Teilnehmerbericht 2018

„Fürchtet euch nicht“

Kurz nach 7 Uhr an einem Samstagmorgen in Ohlsdorf: Verschlafene Jugendliche in gemütlichen Reiseoutfits blinzeln aus ihren Hoodies, während sie versuchen ihre Reisetaschen, Isomatten und Schlafsäcke in der Luft zu balancieren. Bis an die Ohren ausgestattet mit Proviant für die lange Fahrt, ein bisschen müde, aber auch aufgeregt – viele von den 75 Mitfahrern wissen ohnehin, was auf sie zukommt, denn sie fahren schon zum wiederholten Mal mit. Aber wohin eigentlich? In den Maiferien kann die Antwort für Jugendliche aus der Gemeinde St. Bernard klarer kaum sein: nach Taizé natürlich! Einen halben Tag später verteilen sich die Mitfahrer in Freiburg auf zwei Busse und treten die letzten fünf Stunden der Fahrt an. Gegen 20:25 Uhr ist es endlich soweit: Die Busse kommen vor dem Glockenturm von Taizé zum Stehen. Das Gepäck wird nur schnell in einem Zelt deponiert, dann beginnt auch schon das erste Abendgebet samt Lichterfeier.

Altarraum

Bevor es am Montag mit dem richtigen Programm der Woche losgeht, ist am Sonntag noch Zeit für eine Ralley über das Gelände. Schließlich sollte jeder wissen, wo der Garten der Stille, die alte Dorfkirche, das Grab von Frère Roger (dem Gründer der ökumenischen Communauté von Taizé) oder die Erste-Hilfe-Station ist. Mit einigem Ehrgeiz wird sich auf die Suche nach Antworten begeben und erste (internationale) Bekanntschaften werden geschlossen. Die Erkundung des Geländes birgt für einige auch Überraschungen: „Das sind ja richtige Hütten. Sogar mit USB-Steckdose!“, bemerkt eine Teilnehmerin erstaunt. „Bei dem Wort Baracken hatte ich mir etwas Schlimmeres vorgestellt.“

Montagmorgen um 10 Uhr: Bruder Philipp, ein Mitglied der Communauté, bittet ca. 200 Jugendliche aus Deutschland und Schweden zur Bibeleinführung. Vom Bretterboden des großen Zeltes blicken ihn die 15- und 16-Jährigen erwartungsvoll an. Seine Ausführungen sind aber keine trockenen Deutungen von Bibelgeschichten. Er verrät z.B. seinen Wunsch nach Geburtstagsgeschenken, die keine theologischen Bücher sind und berichtet von seinen Erfahrungen während der Arbeit im Krankenhaus. Entsprechend weltlich verarbeiten Jugendliche ihre Gedanken zu Bibeltexten später dann auch in einem Fernsehprogramm, als Rap oder zur Melodie von „Hey Brother“.

Gesprächsgruppe beim Rappen/Singen

Eine durchaus biblische Erkenntnis kann Bruder Philipp trotzdem noch unter die Leute bringen: Der Satz „Fürchtet euch nicht!“ ist 365-mal in der Bibel zu finden. Mindblowing! Und praxisbezogen dazu, denn die Jugendlichen wissen am Ende der Woche, dass drei Gebetszeiten am Tag, das Essen in Taizé und Toilettenputzen wirklich nicht zum Fürchten sind. Letzteres wird, begleitet vom Gesang „What Shall We Do With the Dirty Toilets“, sogar geradezu begeistert erledigt. Und eine Teilnehmerin stellt, ein wenig erstaunt über sich selbst, fest: „Man freut sich schon den Tag über auf die drei Gebetszeiten!“ Die Woche vergeht wie im Flug und es pendelt sich schnell ein Rhythmus im Leben auf dem grünen Hügel ein: Morgengebet, Frühstück, Bibeleinführung, Gesprächsgruppe, Mittagsgebet, Mittagessen, Putzen, Abendbrot, Abendgebet. Zum Abschluss des Tages kann man entweder noch bis zur Heiserkeit in der Kirche singen oder mit neuen Bekanntschaften am Oyak, dem Kiosk, sitzen.

Am Samstag wird die Routine noch von einer Wanderung ins Nachbardorf Bray durchbrochen, wo das obligatorische Gruppenfoto entsteht und eine kleine Andacht in der dortigen Kirche gehalten wird. Zurück in Taizé gibt es noch eine Abschlussrunde zum Dank an die Organisatorin Ulrike Wentzke und den Reiseleiter Philipp Ranitzsch. Dann ein letztes Mal das Abendbrot und die Gänsehaut während der Nacht der Lichter genießen – und schon ist die Woche vorbei. Es bleibt nur noch die Devise „Fürchtet euch nicht“ vor der Rückkehr in den Alltag. Auch wenn es schwerfällt.

Gruppenbild

Text: Linda Giering  Fotos: Philipp Ranitzsch